Aus: Fellbacher Zeitung v. 23.07.1968
Vier Jahre Handelsschule Fellbach
Schulentlaßfeier und Abschied des Schulleiters
Anläßlich der Entlaßfeier für die 71 Prüflinge, die in diesem Jahr die Fachschulreife an der Kaufm. Berufsfachschule Fellbach erworben haben, ging der scheidende Schulleiter, Studienrat Fischer, noch einmal auf die Geschichte dieses Schulzweiges ein. In seiner Ansprache nahm er auch zur heutigen Situation und zur Entwicklung des beruflichen Schulwesens unter besonderer Berücksichtigung der Fellbacher Verhältnisse Stellung. Er sagte u. a.:
“Nicht nur die Entlaßschüler stehen an einem markanten Punkt in ihrem Leben, auch für die Geschichte des kaufmännischen Schulwesens in Fellbach und darüber hinaus ist das Ende des Schuljahrs 1967/68 ein bemerkenswerter Einschnitt. Für die Fellbacher Schule gilt das, weil erstmals eine Klasse auf dem beschwerlichen Zweiten Bildungsweg zur Fachschulreife geführt worden ist. Das kaufmännische Schulwesen und darüber hinaus das berufliche Schulwesen überhaupt steht in fast allen Bundesländern an der Schwelle von einem bloßen Anhang des übrigen Schulwesens zu einem eigenständigen, gleichberechtigten Bildungsbereich.
Im Dezember 1966
Die Geschichte der Kaufmännische Berufsaufbauschule Fellbach nahm ihren Anfang im Dezember 1966, als bei einer Besprechung auf dem Rathaus, der Plan, in Fellbach ein Wirtschaftsgymnasium zu errichten, zugunsten Waiblingens (es ist dort im Sept. 1967 gegründet worden) fallen gelassen wurde. Das geschah im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung sowie Vertretern der Industriegruppe Fellbach und des hiesigen Handels- und Gewerbevereins.
Es war von Vorteil, daß das Oberschulamt Nordwürttembergs seinerzeit ohnehin den Ausbau des berufsbezogenen Bildungsweges für junge Kaufleute auch im Kreis Waiblingen anstrebte. Die bis dahin am Wirtschaftsgymnasium Stuttgart bestehende Berufsaufbauschule wurde geteilt und eine Klasse der Kaufmännischen Berufsschule Fellbach angegliedert. Dank dem raschen Beschluß des Gemeinderates und dem schnellen Handeln der Stadtverwaltung konnte die Frage der Schulträgerschaft zumindest vorläufig unbürokratisch gelöst werden. Freundschaftliche Beziehungen zu anderen Schulen in Stuttgart und Fellbach sowie vor allem die Bereitschaft des Stammkollegiums, bis zu vier Wochenstunden zustäzlich zu unterrichten, ermöglichten es, auch den fremdsprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht in dieser Klasse ungekürzt zu erteilen. Die Stadt Fellbach half großzügig bei der beschleunigten Beschaffung einer Erstausstattung für den Chemie- und Physikunterricht. Diese Einrichtungen werden im kommenden Schuljahr auch von der Wirtschaftsschule in vollem Umfang genutzt.
Am ersten Unterrichtstag fanden sich 32 Aufbauschüler ein; sie alle hatten eine Lehre mit gutem Erfolg abgeschlossen. Mehr als die Hälfte aller Bewerber hatte Realschuloder gymnasiale Vorbildung. Anfang dieses Monats haben sich 21 Schüler mit Erfolg der Abschlußprüfung unterzogen, die übrigen gaben gleich nach dem Start oder kurz vor dem Ziel auf. Die erfolgreichen Prüflinge erhalten heute das Zeugnis der Fachschulreife als Lohn dafür, daß sie ein Jahr lang auf ein Einkommen aus ihrem erlernten Beruf zugunsten ihrer Weiterbildung verzichteten. Immerhin konnten auf dem Wege der Begabtenförderung aus Staatsmitteln allein aus dieser Klasse 8 Schüler mit Erziehungsbeihilfen im Werte von 4800 DM bedacht werden.
“Bürotechnische Kurse"
Zum letzten Male in ihrer Geschichte entläßt die Handelsschule in Baden-Württemberg Schüler und Schülerinnen in die Lehre oder ins Berufsleben. In Fellbach sind es heute 50 Jungen und Mädchen. Die zweijährigen Handelsschulen gingen 1955 hervor aus den 1928 eingeführten “Bürotechnischen Jahreskursen", die sich zur Vermittlung des nötigen Lehrstoffs als zu kurz erwiesen hatten. In Deutschland ist die erste kaufmännische Berufsfachschule dieser Art schon vor 150 Jahren durch private Initiative gegründet worden.
In Baden-Württemberg wurden die zweijährigen Handelsschulen Ende 1965 in ihrem Abschluß den Höheren Handelsschulen und Realschulen gleichgestellt. Mit Beginn des Schuljahres 1967/68 ging die Handelsschule auf in der zweijährigen Berufsfachschule neuen Typs, für die im kaufmännischen Bereich die Bezeichnung “Wirtschaftsschule" gefunden wurde. Vom nächsten Schuljahr an bestehen solche staatliche Wirtschaftsschulen im Kreis Waiblingen in den Gemeinden Fellbach, Schorndorf und Waiblingen.
Die Aufhebung der staatlichen zweijährigen Handelsschule (im Privatschulbereich bestehen sie weiter) wird von vielen, besonders von den Personalchefs der Betriebe, bedauert. Die Wirtschaft braucht eben junge Kräfte mit gründlichen Kenntnissen in Betriebswirtschaftslehre, Buchführung und - allen Unkenrufen zum Trotz - auch in Maschinenschreiben und Kurzschrift. Die Durchlässigkeit des gesamten Schulwesens war einer der Gründe, die die Einführung von Mathematik, Chemie und Physik an allen Berufsfachschulen erforderlich machten. Die neue staatliche Berufsfachschule für Bürotechnik (es gibt auch Privatschulen dieser Art) soll die durch Aufhebung der Handelsschule entstandene Lücke nun wieder schließen.
Preis und Anerkennung
Die Ergebnisse der Handelsschul-Abschlußprüfung 1968 waren im Durchschnitt zufriedenstellend. Der vom Oberschulamt zum Vorsitzer der Prüfung in Fellbach bestellte Oberstudiendirektor Renz konnte vor allem deutliche Fortschritte im Handelsenglisch gegenüber früheren Prüfungen feststellen. Herausragende Leistungen fehlten aber diesmal. So kann ich heute nur 3 Schülerinnen mit einem Preis oder einer Anerkennung auszeichnen.
Nach dem Schulentwicklungsplan für das Land Baden-Württemberg sollen bis zum Jahr 1980 2,5 Prozent eines Altersjahrgangs das Abitur und 16 Prozent den mittleren Abschluß auf dem Wege über die Berufsfach- und Berufsoberschulen erreichen. Die Entlaßzahlen der Berufsfachschulen und der Berufsaufbauschulen werden also in Zukunft etwas weniger als die Hälfte der entsprechenden Zahlen der übrigen mittleren Abschlüsse (Realschule und Gymnasium) ausmachen.
Aktuelle Probleme
Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um einmal einige aktuelle Probleme des beruflichen Schulwesens, soweit sie auch für Fellbach von Interesse sind, zu beleuchten. Es sind dies
1. die Frage des Berufsgrundbildungsjahres (10. Pflichtschuljahr);
2. die Frage der Fachklassenbildung anl beruflichen Schulen (Schulentwicklungslan II).
Mit Ausnahme des Bundeslandes Bayern gibt es heute überall in der Bundesrepublik die Pflicht zum fünfjährigen Besuch einer weiterführenden Schule (Hauptschule, Realschule, Gymnasium). Die Übergangsregelung, nach der das 9. Volksschuljahr an einer Berufsfachschule abgeleistet werden konnte, gilt nicht mehr. Es ist allerdings im Landtag von Baden-Württemberg schon darüber gesprochen worden, diese Möglichkeit später, unter bestimmten Voraussetzungen vielleicht wieder zuzulassen. Die Frage nach dem 10. Pflichtschuljahr stellt sich auf Grund, der Einsicht, daß die herkömmliche 3jährige Lehre für viele Berufe (Verkäuferin, Bäcker, Schuhmacher) nicht mehr zeitgemäß ist. Man fordert eine breitere Grund- bildung, die einer Lehrzeit unterschiedlicher Dauer vorangehen soll. Die Frage, ob dieses berufliche Grundbildungsjahr an der Haupt- bzw. Realschule oder an einer beruflichen Schule absolviert werden kann, wird verschieden beantwortet. Als erstes Bundesland hat sich Nordrhein-Westfalen für die Ableistung an beruflichen Schulen entschieden. Bemerkenswert ist auch, daß der Deutsche Industrie- und Handelstag - einer Meldung der Fellbacher Zeitung zufolge - erst kürzlich sogenannte Betriebspraktika von Hauptschülern ebenso wie die herkömmliche “Betriebstouristik" bei Betriebsbesichtigungen abgelehnt hat. Die wirtschaftlichen Vorgänge sind eben so komplex, daß sie auf diese Weise kaum erschaut, keinesfalls aber durchschaut und verstanden werden können.
Ein enger Zusammenhang besteht zwisehen den Plänen, die Lehrzeit in manchen Berufen zu verkürzen, und den Versuchen, die Berufsausbildung stufenweise zu vollziehen. Die sogenannten Stufenpläne (z. B. von der Industriegewerkschaft Metall) sehen teilweise einen Abschluß schon nach einem Jahr (“Werker") vor. Soeben in Kraft getreten ist das Berufsbild des Einzelhandelskaufmanns, das auf einer zweijährigen Lehre als Verkäufer(in) aufbaut. Die meisten Pläne haben zum Ziel, die allgemeine Grundbildung mit einer den Erfordernissen des technischen Zeitalters entsprechenden Spezialbildung zu verbinden.
Schulentwicklungsplan
Dem gleichen Ziel, wenn auch unter stärkerer Betonung der Fachbildung, dienen die Untersuchungen zur Fachklassenbildung. Sie haben besondere Bedeutung gewonnen im Rahmen des Schulentwicklungsplans für das berufliche Schulwesen (Schulentwicklungsplan II) in Baden-Württemberg. Für diesen Plan ist jetzt die Testphase angelaufen, während der von der Berufspädagogischen Hochschule Stuttgart Erhebungen im ganzen Lande vorgenommen werden. Hier muß auch das geplante Netz der zentralen Orte erwähnt werden, da - wenigstens für bestimmte Regionen - davon auszugehen ist, daß die zentralen Orte auch für die Errichtung von beruflichen Bildungszentren am geeignetsten sind.
Ob das auch für die Fellbach-Waiblinger Verhältnisse gilt, mag dahingestellt bleiben.
Die große Nachfrage des
stärker industrialisierten Raumes
Fellbach - Schmiden - Oeffingen nach
befähigten Arbeitskräften!spricht
eher für Fellbach. Die Tatsache, daß von
den Betrieben im Räume Winnenden -Waiblingen
im kaufmännischen Bereich mehr als
doppelt so viele Lehrlinge ausgebildet
werden, für Waiblingen. Die Richtlinien für den
Schulentwicklungsplan II
sind veröffentlicht.
Sie schreiben für selbständige Berufsschulen
eine Mindestgröße von 18 Klassen
vor. Die Fellbacher Schule kann demnach nur dann als selbständige
Einheit bestehen bleiben, wenn die angegliederten Vollzeitschulen
nicht davon getrennt werden. Die
Entwicklung des kaufmännischen Schulwesens
in Fellbach wird, soviel läßt sich
heute mit Bestimmtheit sagen, in den nächsten
sechs Jahren nicht mehr so stürmisch
verlaufen wie in den sechs vergangenen.”
rf.